Rolf Bauer war mit 60 Jahren draußen, nicht mehr vermittelbar. Und fand selbst einen neuen Job in der digitalen Branche bei TheAppGuys in Köln.

Rolf Bauer im brand eins Magazin Artikel „Unter Jungen“

Neuanfang mit 60 Jahren

Rolf Bauer war mit 60 Jahren draußen, nicht mehr vermittelbar. Und fand selbst einen neuen Job im Start-up.


Digital Immigrant: Rolf Bauer im Büro von TheAppGuys

Hatte Nußbaum keine Bedenken, dass einer, der lange Führungskraft war, womöglich Probleme damit haben könnte, sich ihm und den Kollegen unterzuordnen? „Klar“, sagt er. „Aber das kann mir auch mit einem Jüngeren passieren.“ Er habe keine Zweifel gehabt – und mit Bauer nicht einmal eine Probezeit vereinbart.

Der beschäftigte sich im ersten halben Jahr bei TheAppGuys mit der Positionierung des Unternehmens: Wofür steht die Firma? Wer ist die Zielgruppe? Wie spricht man sie an? Anschließend strukturierte er Vertrieb und Marketing und ging raus, um Kunden zu gewinnen. Und beschäftigte sich zuvor damit, wie man Apps entwickelt.

Im Umgang mit der Technik werden Bauer die Unterschiede zwischen den Generationen am deutlichsten bewusst. „Die jungen Kollegen gehen da viel intuitiver heran. Dagegen bin ich ein Neandertaler“, sagt er. Er sehe das Smartphone lediglich als Werkzeug, für die Jungen sei es dagegen schon ein Teil ihrer Persönlichkeit. Die bescheinigen dem Senior des Betriebs allerdings durchaus eine gute Lernfähigkeit.

„Herr Bauer ist zwar kein Digital Native, aber ein guter Digital Immigrant“, sagt Karen Schwane, die 28-jährige Leiterin des Entwicklungsteams. Als Nicht-Programmierer bereichere er besonders den Ideenfindungsprozess um die Nutzersicht, ergänzt Nußbaum. Er weist auf eine Wand hinter seinem Schreibtisch, an der auf vielen bunten Zetteln mögliche Funktionen einer App für einen Musikalienhandel notiert sind. Noten- und Tempoerkennung sowie Lernsoftware steht darauf. „Solche technischen Aspekte stammen von uns Tekkies“, sagt der Chef und zeigt auf einen Zettel, auf dem das Wort „Erlebniswelten“ steht – ein Beitrag von Bauer. „Auf so was wäre von uns niemand gekommen.“

Bei den Kunden kommen dem Marketingchef sowohl seine Anwendernähe als auch sein Alter zugute. „Ich sehe mich als Vermittler zwischen Programmierern und Nutzern, aber auch zwischen den Generationen“, sagt er. „Einige Kunden stammen aus eher konservativ geprägten Branchen wie dem Maschinenbau, da sind die Entscheider ebenfalls oft älter. Dort kann ich schlecht einen jungen Programmierer zum Termin schicken.“ Stattdessen fahren jetzt beide hin.

Oder neulich, bei einer Präsentation bei einem potenziellen Kunden, konnte Bauer seine Routine ausspielen. „Alles sah nach einem Abschluss aus, es sollten nur noch Kleinigkeiten geklärt werden“, sagt Nußbaum. Dann habe der Interessent plötzlich erklärt, dass er Erweiterungen der App plane, die mit TheAppGuys nicht zu machen seien und dass er das Projekt jetzt mit einem Konkurrenten umsetzen wolle, der billiger sei. Nußbaum: „Da habe ich innerlich gekocht, aber meine Klappe gehalten.“ Stattdessen habe Bauer das Gespräch abgeklärt zu Ende gebracht und später noch mal mit dem Verhandlungsführer der Firma gesprochen. Den Auftrag habe man zwar nicht bekommen, doch die Gespräche über ein anderes Projekt seien bereits vereinbart.

Rund 400 000 Euro Umsatz macht TheAppGuys im Jahr, zu den Kunden der Firma zählen die Fußballtippspiel-Plattform Kicktipp.de und das Portal Chefkoch.de. Nun will Marko Nußbaum die nächsten Schritte gehen und schafft erst einmal Platz zum Wachsen: Zum 1. Oktober hat er in der Schirmfabrik weitere 200 Quadratmeter zu den bestehenden 160 angemietet. Zu Nußbaums Zuversicht habe auch Bauer beigetragen. „Normalerweise dauert es in unserer Branche rund anderthalb Jahre, bis man einen Abschluss erzielt“, sagt er. „Jetzt sind die ersten Aufträge schon nach sechs Monaten unterschriftsreif.“

Auch Bauer sieht die Firma auf einem guten Weg. „Als ich hierhergekommen bin, habe ich in meinem Arbeitsbereich eine wilde Wiese vorgefunden“, sagt er. „Die haben wir umgegraben, dann haben wir gesät, und jetzt warten wir auf die Früchte.“ Natürlich sei die Arbeit in der kleinen Softwarefirma anders als in den großen Bankhäusern, in denen Bauer früher gearbeitet hat. Flache Hierarchien, direkter Austausch, weniger Formalismus – das sei schon ungewohnt gewesen. Und genau das schätze er an seinem neuen Job. Bedauerlich sei eigentlich nur eines: dass er ihn nicht schon vor 20 Jahren bekommen habe. 

Text: Torben Müller
Fotografie: Hartmut Nägele

 

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