Mit 60 Jahren einen festen Job in der Digitalbranche annehmen, ist das ziemlich erstaunlich. Rolf Bauer ist Marketingschef bei TheAppGuys in Köln.

Alter! – Mit 60 in die Digitalbranche einsteigen

  • Wenn jemand mit 60 Jahren einen festen Job annimmt, ist das ziemlich erstaunlich. Wenn das Unternehmen, für das er arbeitet, auch noch aus der Digitalbranche kommt, ist das fast schon eine Sensation. Rolf Bauer, seit Anfang des Jahres Marketing- und Vertriebschef bei The App Guys in Köln, bleibt gelassen.

Dass CSU-Politiker Horst Seehofer in seinen späten 60ern (der Mann ist Jahrgang 1949) noch einmal durchstartet und den Innenminister gibt, scheint niemand groß zu wundern. Wenn er bis zum Ende der Legislaturperiode dabeibleibt, ist der gebürtige Ingolstädter beachtliche 72 – für Otto Normalverbraucher ein Alter, in dem eigentlich Kaffeetrinken und Enkelhüten vorgesehen sind. Wenn man es sich leisten kann, natürlich, aber das ist ein anderes Thema.

Für den gewöhnlichen Arbeitnehmer sieht die Sache so aus, dass die Luft schon ab 50 ziemlich dünn wird. Wer in diesem Alter einen festen Job sucht, braucht ziemlich viel Glück. Und gute Beziehungen. Am besten beides. Bei Rolf Bauer, der auch die 50 schon hinter sich gelassen hat, war es nur Glück. Denn den Mann, der ihn Anfang des Jahres als Leiter Marketing und Vertrieb (unbefristet übrigens) eingestellt hat, kannte Bauer vorher nicht. Auf der Digitalmesse Dmexco ist er seinem heutigen Chef Marko Nußbaum im vergangenen Jahr über den Weg gelaufen – mit dem Ergebnis, dass Bauer nun also als 60-Jähriger bei einer Firma arbeitet, die Apps entwickelt. Und die, wenig überraschend, vorwiegend Mitarbeiter beschäftigt, die gerade mal halb so alt sind wie ihr neuer Marketing- und Vertriebskollege. Auch Nußbaum selbst ist mit seinen 43 Jahren altersmäßig von Bauer ein Stück entfernt. Was macht also jemand, der in einem Umfeld arbeitet, in dem alle so viel jünger sind als er selbst? Seine Arbeit, sagt Bauer trocken, denn die Generationenprobleme, die man vielleicht vermuten könnte, verspürt der gelernte Bankkaufmann in seiner neuen Position nicht. Was möglicherweise auch damit zu tun hat, dass er für ein Thema zuständig ist, das den Kollegen aus der Technik ziemlich fremd ist. Die Passion für Marketing und Vertrieb hat sich bei Bauer Mitte der 80er-Jahre entwickelt, als er nach der Banklehre noch eine Ausbildung zum Fachkaufmann Marketing anschloss. Danach war er mal fest angestellt, mal freiberuflich für Unternehmen wie die Sparda-Bank, Leica oder DHL unterwegs. Zuletzt hat Rolf Bauer für ein Unternehmen gearbeitet, das Marmor und Steine aus China importiert. Jetzt also soll er für Marko Nußbaum und seine 2012 gegründete Digitalfirma The App Guys das Thema Marketing und Vertrieb voranbringen – klingt ziemlich abenteuerlich. Oder mutig. Wie man’s nimmt. Dabei haben sich weder Bauer selbst noch sein Chef über die Altersfrage größere Gedanken gemacht. Es habe direkt beim ersten Treffen „geklickt“, sagt Nußbaum und klingt fast schon so, als habe er in seinem neuen Marketing- und Vertriebschef einen Bruder im Geiste gefunden. Tatsächlich sieht der App-Spezialist das auch genau so. Bauer habe auf der Dmexco seine Vorstellungen von modernem Marketing erläutert und damit bei ihm ziemliches Erstaunen ausgelöst. Weil das, was Bauer gesagt hat, mit seinen eigenen Vorstellungen nahezu deckungsgleich gewesen sei. Das war so, „als hätte er meine Gedanken gelesen und laut ausgesprochen“, stellt Nußbaum rückblickend fest. Inzwischen hat auch er gelernt, dass ein 60-Jähriger Marketing- und Vertriebschef, der für einen App-Entwickler arbeitet, ein gewisses Aufsehen erregt. Bauer selbst nimmt die Vorgänge um seine Person mit einer Mischung aus Souveränität und Erstaunen zur Kenntnis. Natürlich weiß auch er, dass es schon für 50-Jährige schwierig ist, irgendwo noch eine Festanstellung zu bekommen. Und mit 60? Da seien, sagt Bauer, die Köpfe potenzieller Arbeitgeber „natürlich voll mit Klischees“. Ein 60-jähriger Bewerber werde eher mit Bierflasche, Fernsehen und Sofa in Verbindung gebracht als mit dem Neustart am Arbeitsplatz. Erst recht nicht bei einem Unternehmen der Digitalszene. Deshalb kann er seinen neuen Posten auch gar nicht anders kommentieren als mit den Worten: „Ich habe Riesenglück gehabt.“ Wer sich einschlägige Untersuchungen anschaut, stellt fest, dass es für Arbeitssuchende ab 60 fast schon ein Lottogewinn ist, wenn sie noch einen festen Job bekommen. Zwar wird die Generation der über 50-Jährigen am Arbeitsplatz nicht mehr so selektiert wie einst, als Maßnahmen wie Vorruhestand oder Altersteilzeit dazu führten, dass Menschen, die heute als „Silver Generation“ geadelt werden, ins Rentnerdasein abgeschoben wurden. „Selbst für über 60-Jährige“, resümierte Spiegel Online im vergangenen Jahr in einem Beitrag über Ältere am Arbeitsmarkt, „ist es mittlerweile die Regel, zu arbeiten.“ Anders sieht es aber aus, wenn jemand in diesem Alter eine neue Stelle sucht. Da sind die Aussichten auf Erfolg eben eher bescheiden. Über die Gründe können Experten nur mutmaßen. Doch dass Faktoren wie Altersstereotype (Belastbarkeit, Krankheitsrisiko) oder gar Diskriminierung eine Rolle spielen, gilt als sicher.

TEXT: Gabi Schreier

Die Dmexco? Für 60-Jährige ein heißes Pflaster. Umso bemerkenswerter, dass das Thema Alter für App-Spezialist Marko Nußbaum gar keine Rolle gespielt hat, als er Rolf Bauer den Posten anbot. Nußbaum wollte jemanden mit Erfahrung und der „notwendigen Motivation“; in Bauer hatte er seinen Wunschkandidaten gefunden. Zu der Entscheidung steht er. Die „allgemeine Weisheit“, dass ein 60-Jähriger nicht die „optimale Besetzung“ für einen App-Entwickler sei, sagt Nußbaum, teile er nach wie vor nicht. Mit The App Guys will er jetzt durchstarten und ist gerade dabei, eine Filiale in Sevilla zu eröffnen. Rolf Bauer wiederum kümmert sich um den Aufbau der Marketing- und Vertriebsstrukturen und sieht sich als „Wanderer zwischen den Welten“. In seiner bisherigen Berufslaufbahn hat er in beiden Bereichen gearbeitet, und „klassische Aufbauarbeit“, sagt er, sei das, was er am besten könne. Außerdem betreuen die Kölner App-Experten Projekte, bei denen ein Mann mit Erfahrung besser rüberkomme als ein „hipper 23-Jähriger“, so Firmenchef Nußbaum – Qualitätssicherung im Schienenverkehr zum Beispiel. Wenn es um Kundenkontakte geht, dann hat Rolf Bauer meist ohnehin mit Ansprechpartnern zu tun, die gar nicht so viel jünger sind als er selbst. Argwöhnisch betrachtet fühlt sich er sich da nicht. Im Gegensatz zu Branchentreffs wie der Dmexco. Die Begegnung mit „Techies“, so Bauer, sei eine „interessante Erfahrung“. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil die Vertreter der jungen Generation einen wie ihn als Exoten betrachten. Doch so wie es aussieht, werden sich Technik-Nerds an den Anblick eines 60-jährigen App-Fachmanns wohl gewöhnen müssen.

The App Guys

2012 hat Marko Nußbaum den Kölner App-Spezialisten zusammen mit einem Partner gegründet – aus eigener Kraft, ohne Fremdkapital. Seither ist das Unternehmen langsam, aber stetig gewachsen und positioniert sich nicht mehr nur als rein technischer Dienstleister. Seit 2017 gehören auch Beratung, Analyse und Konzeption zum Repertoire. Insgesamt arbeiten 15 Mitarbeiter für The App Guys, in erster Linie Entwickler. Auf der Kundenliste stehen Unternehmen wie Chefkoch.de, Kicktipp und die Goldschmidt Thermit Group.

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